Andreas Schäfer, MAN Diesel & Turbo SE, Oberhausen

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Ich habe im WS 02/03 mit meinem Maschinenbaustudium an der RUB begonnen. Ursprünglich wollte ich Konstrukteur werden, wie wahrscheinliche die Mehrzahl der Erstsemester. Der Schwerpunkt Werkstoffe war mir zunächst unbekannt, doch weckte die Grundlagenvorlesung im ersten Semester sofort mein Interesse an diesem vielseitigen Fachgebiet. Nach einigen interessanten Gesprächen mit den damaligen wissenschaftlichen Mitarbeitern am Institut für Werkstoffe folgte der klassische Werdegang an einer Hochschule: HiWi-Job, Abschluss, wissenschaftlicher Mitarbeiter. Dabei empfand ich die Welt der Werkstoffwissen-schaft besonders spannend: makroskopische Eigenschaften moderner Werkstoffe anhand der komplexen Vorgänge in der Mikrostruktur zu verstehen und gezielt einzustellen. An meine Zeit am Lehrstuhl Werkstoffwissenschaft denke ich sehr gerne zurück. Als engagiertes Team von jungen Wissenschaftlern konnten wir auf eine sehr gute Ausstattung in den Laboren zurückgreifen, unsere Ideen frei entfalten und uns im Austausch mit internationalen Wissenschaftlern (z. B. auf zahlreichen Konferenzen) austoben. Neben der wissenschaftlichen Arbeit hat mir insbesondere die Lehre große Freude bereitet. Der Austausch mit jungen Studenten wird nie langweilig und fördert das eigene Verständnis der Vorlesungsinhalte besser als alles andere. Ein großer Vorteil der Fachrichtung Werkstoffe ist die Vielseitigkeit. Sie ermöglicht über die gesamte Zeit der Berufstätigkeit abwechslungsreiche Themen zu bearbeiten, sich beruflich verändern zu können, ohne bei Null beginnen zu müssen. In meiner Promotion habe ich mich mit einer mechanisch induzierten Phasenumwandlung in einer binären NiTi-Legierung beschäftigt. Diese Legierung zählt zu den Formgedächtnislegierungen und wird vorwiegend in der Medizintechnik eingesetzt, d. h. kleine Bauteilgrößen und geringe Temperaturen (30°C Körpertemperatur). In meiner jetzigen Tätigkeit bei MAN beschäftige ich mich mit Industrie-Turbinen und Kompressoren aus hochwarmfesten Werkstoffen, d. h. größere Bauteildimensionen, wesentlich höhere mechanische Beanspruchung und Temperaturen bis 540°C und mehr. Die für das Verständnis der Werkstoffe nötigen Grundlagen sind dabei universell einsetzbar. Nach dem Abschluss meiner Promotion habe ich im Januar 2012 bei der MAN Diesel & Turbo SE am Standort Oberhausen als Werkstoffingenieur begonnen. Hier werden Industrie-Turbinen (Gas- und Dampfturbinen), sowie verschiedene Arten von Kompressoren und Expandern entwickelt und gebaut. In unserem kleinen Team stehen wir als Querschnittsfunktion den Kollegen in der Konstruktion und Berechnung mit Rat und Tat zur Seite. Angefangen mit der Auswahl geeigneter Werkstoffe für sämtliche Bauteile, Ermittlung und Bereitstellung von belastbaren Werkstoffkenndaten (z. B. Streckgrenzen aber auch Kriechdaten und bruchmechanische Kennwerte), Erstellen von Lieferspezifikationen, mit denen die Vormaterialien für unsere Bauteile beschafft werden, Erstellen von Fertigungs- und Prüffolgeplänen für unsere Unterlieferanten, Abhilfemaßnahmen bei Schadensfällen oder Fertigungsfehlern bis hin zur Unterstützung der Qualitätsabteilung beim Auditieren und bei der fertigungsnahen Betreuung unserer Lieferanten. Man hat mit vielen unterschiedlichen Menschen/Persönlichkeiten zu tun, begleitet den gesamten Lebenszyklus der Maschinen (von der Projektierung über die Fertigung bis hin zur Wartung), betreut ganz unterschiedliche Maschinentypen und ist für sämtliche Bauteile (Gehäuse, Rotor, Beschaufelung, Schrauben und andere Verbindungselemente, etc.) verantwortlich. So bleibt jeder Tag spannend und abwechslungsreich. Arbeit "nach Schema F" kommt eigentlich nie vor. Man arbeitet sehr nahe am Produkt und kann viel entscheiden bzw. beeinflussen, denn oft stellen die Werkstoffe das Nadelöhr dar: sie entscheiden über die Machbarkeit von Projekten generell, können unmittelbar den Wirkungsgrad der Maschine beeinflussen und spielen nicht zuletzt bei der Optimierung von Kosten eine große Rolle. Insbesondere in den wirtschaftlich unsicheren Zeiten können hier entscheidende Marktvorteile generiert werden.

Ich kann jeden Studenten nur ermutigen, sich für diesen spannenden Bereich des Maschinenbaus zu entscheiden!
 
Mit freundlichen Grüßen aus Oberhausen
 
Andreas Schäfer
Forschen und Leben am Institut
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