Sabine Siebert, Lehrstuhl Werkstofftechnik, Ruhr-Universität Bochum

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Als ich Mitte der 1980er Jahre nach dem Abitur mein Maschinenbaustudium an der Ruhr-Universität in Bochum begann, war die Zahl der Erstsemester vergleichbar zahlreich wie heutzutage, allerdings lag der Frauenanteil bei den Studienanfängern im Maschinenbau unterhalb von 3 %. Diese Verhältnisse sind heute Geschichte, auch wenn die 50 %-Marke noch nicht erreicht ist.
Bereits während meines Praktikums vor dem Studium bei der Firma Siemens in Mülheim an der Ruhr bekam ich einen Einblick in die damalige „Ingenieurmännerwelt”, die mich aber nicht schrecken konnte. Nach dem Grundstudium bewarb ich mich um eine studentische Hilfskraftstelle und war bei den Werkstofftechnikern erfolgreich. Jetzt lernte ich Metallproben zu präparieren, verschiedenste Versuche durchzuführen und konnte Phasen und Gefüge unterscheiden. Durch diese Tätigkeit konnte man sich neben dem recht theoretischen und trockenen Studium einen Teil von praktischen Fähigkeiten und Werkstoffprüferkenntnissen aneignen, was für mich persönlich in meinem späteren Berufsleben sehr hilfreich war.
In der Vertiefungsrichtung, die sich damals „Werkstofftechnik” nannte, wurden in den Vorlesungen alle wichtigen grundlegenden Kenntnisse zu den metallischen Werkstoffen, ihren Eigenschaften und deren zugehörige Untersuchungs- und Prüfmöglichkeiten vermittelt. Dieses Spektrum hat sich heute um neueste Methoden in der Analyse und Simulation deutlich erweitert. Auch das Werkstoffspektrum ist durch neue Herstellungs- und Fertigungsverfahren gewachsen. Bei den wissenschaftlichen Arbeiten, die während des Studiums zu absolvieren waren, konnte man bei den Werkstofflern Themengebiete aus den jeweiligen laufenden Forschungsprojekten als Studien- oder Diplomarbeit bearbeiten und leistete somit schon einen kleinen Beitrag zur Forschung. In meiner Diplomarbeit wurde zum Beispiel eine Idee zur Steigerung der Korrosionsbeständigkeit von Werkzeugstahl ohne Verlust der Verschleißbeständigkeit umgesetzt. Dieser patentierte Stahl wird heute erfolgreich für Messer und Werkzeuge in korrosiven Umgebungen eingesetzt.
Nach Abschluss des Studiums wurde ich wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Werkstofftechnik. Meine Aufgabe bestand nun in der Bearbeitung eines geförderten Projektes mit Industriebeteiligung. Hier sollte nun ein Wärmebehandlungsverfahren für korrosionsbeständige Stähle entwickelt werden, was die Randschichthärte erhöht ohne den Korrosionswiderstand zu senken. Am Ende des Projektes war das patentierte Solnit®-Verfahren entwickelt, bei dem Stickstoff in die Randschicht eindiffundiert, um diese zu festigen. Der Industriepartner setzt dieses Verfahren heute noch für spezielle Wälzlagerungen ein, die unter extremen Belastungen funktionieren müssen. Besonders spannende Momente während meiner Assistententätigkeit waren die Reisen zu den Projekttreffen mit den Industriepartnern sowie die Reisen zu den internationalen Konferenzen, um dort die neuesten Ergebnisse vorzustellen.
Nach meiner Promotion und Ende meiner Universitätszeit war mein Wunsch, eine verantwortungsvolle Tätigkeit in der Industrie zu übernehmen. So kam ich zu einem Unternehmen in Schwerte, der Deutschen Nickel GmbH. Hier werden hochlegierte Fe-, Ni- und Cu-Basis Werkstoffe für spezielle Anwendungen erschmolzen und zum Halbzeug verarbeitet. Hier wurden z. B. auch vor der Einführung der Eurowährung ein Großteil der Cent- und Euro-Münzen erschmolzen, gewalzt und gestanzt, ebenfalls mit besonderen Eigenschaften ausgestattet. Meine Aufgabe bestand in der Leitung der Abteilung Entwicklung und Qualität. Dahinter verbirgt sich zum einen den Produktionsprozess durch festgelegte Messungen zu überwachen sowie Fehler und Abweichungen aufzuzeigen und abzustellen, zum anderen soll eine stetige Optimierung und Innovation zu besseren und kostengünstigeren Produkten führen. Hier öffnet sich ein weites, spannendes Betätigungsfeld, wenn man an die Vielzahl von Legierungen denkt, aber auch an die unterschiedlichen Fertigungsschritte, angefangen von der Erschmelzung, über die Warm- und Kaltumformung, Wärmebehandlung bis zur gewünschten Produktkonfektionierung. Auch diese Tätigkeit ist in der Regel mit vielen Reisen zu den Kunden, aber auch zu den Lieferanten verbunden, denn die Vorschriften, nach denen der Lieferant zu liefern hat, werden in der Regel von der Qualitätsstelle festgelegt.
Vor einer Dekade bin ich als Oberingenieurin an die Ruhr-Universität zurückgekehrt und beschäftige mich nun neben der Forschung und Lehre mit dem Finanz- und Personalmanagement eines Lehrstuhls von der Größe eines mittelständigen Unternehmens.
Auch bei dieser Tätigkeit kommt mir meine umfassende Ausbildung zugute, ebenso wie meine Industrietätigkeit. Als Werkstoffingenieur besitzt man am Ende des Studiums ein breit gefächertes Wissen aus verschiedensten Fachdisziplinen. Aber die besondere mikroskopische Betrachtungsweise der Werkstoffe mit (viel)tausendfacher Vergrößerung liefert dem Werkstoffingenieur wichtige Informationen zur Werkstoffhistorie und den Eigenschaften, die anderen verborgen bleiben – egal ob an der Universität oder in der Industrie.
Forschen und Leben am Institut
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